(Da)Heimat

Grund und Boden verkauft man nicht, hiess es in der Familie meiner Mutter, immer schon.
33.000 m2 Erde, denen eine Witwe den Unterhalt für sich und ihre vier Kinder entriss. Den sie während fast zwei Jahrzehnten und 27 Amtsverhandlungen gegen die Ansprüche der tyrannisierenden Verwandtschaft des kurz nach Kriegsende verstorbenen Mannes verteidigte.
Dass die Kinder, sobald erwachsen, aus der von ihr auferlegten Verpflichtung in ein eigenbestimmtes Leben flohen, verstand sie nie. Das Zuhause, das sie geschaffen hatte! Ehren soll man es, wertschätzen. Dankbar sein.

Das jüngste Kind, Asthmatikerin und nie in einer Liebesbeziehung gewesen, blieb bis zu ihrem Lebensende bei ihr, sich mit der harten Arbeit, der schweren Krankheit und Auseinandersetzungen mit der Mutter quälend.
Deren Tod vor fast zwei Jahrzehnten war für sie der späte Beginn vom Loslösen, jedoch nur vom physischen. Eine Odyssee durch Pflegeheime folgte, neue Verwurzelung war ihr nicht möglich. Zu schwer wog das Erbe, das sie wie eine Eisenkette mit sich mitzog, bis sie sich selbst aufgab. Nur noch darauf wartete, dass alles vorbei sein würde. Der äussere Zerfall als Entsprechung der inneren Entwurzelung, irgendwann gaben die Körperfunktionen auf.

In der Nacht von vorgestern auf gestern, Erlösung. Jetzt ist alles gut.

In meiner Erinnerung bleibt sie nicht als die gealterte Pflegeheiminsassin, deren Augen bei meinen Besuchen zu leuchten begannen, wenn sie mich an die Geschichten aus meiner Kindheit erinnerte. Musste sie gar nicht, es ist alles da. Immer noch. Ich höre ihr glucksendes Lachen, wenn sie mich mit Schulkindersprüchen veralbert, sehe sie, wie sie mit schnellem und festem Schritt über die Wiesen läuft, über den Acker und durch die Wälder (ich hinterher). Lichte Momente zwischen schmerzgeplagten Asthmaanfällen. Weg von der beengenden Atmosphäre im Haus, durch die Natur, mit den Tieren.
Freiheit.
Ist Zuhause.

Heimat, wo man frei ist, zu wurzeln.

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