(Da)Heimat – zum 2.

Lernt man jemand neu und dann etwas besser kennen, werden irgendwann und unweigerlich Geschichten aus der Kindheit und Jugend ausgetauscht.
Jeder und Jede hat solche auf Lager. Weil halt alle Kinder allerhand anstellen (vor allem, wenn ausreichend Neugier, Fantasie und Eigensinn vorhanden sind) und in der Jugend geht es dann weiter – nur dass aus den Böllern in nachbarlichen Briefkästen Autos in Strassengräben werden.
Man lacht dann gemeinsam, findet sich und die eigenen, ehemaligen Komplizen wieder in den Erzählungen des Anderen.

Es gibt auch noch andere Geschichten, die man nicht Jedem erzählt. Nur Menschen, die man erkennt, weil sie zur gleichen Zeit ganz Ähnliches erlebt haben und so etwas eben auf eine bestimmte Weise geprägt hat.
Erinnerungen, die warme Gefühle auslösen, wie bei der Grossmutter auf der Holzbank in der Küche zu sitzen und die Figuren auf dem Regal von unten zu betrachten, aus Kindesaugen, immer wieder. Das im Holzofen gebackene Brot mit der dicken Rinde essend.

Und wenn man die Tore ganz weit öffnen kann, erzählt man auch von den schlechten Dingen.
Bei mir war das z.B. jeweils, wenn auf dem Hof der Grossmutter ein Schwein geschlachtet wurde. Die Tiere spürten schon früh morgens, was auf eines von ihnen zukommen würde und schrien den ganzen Vormittag über hysterisch. Ich wäre am liebsten weit weg gelaufen, konnte aber nicht. Als es so weit war, ein Schlag, kein Schrei mehr. Auch heute noch muss ich mir schreckliche Bilder ansehen. Magnetisch.
So wie jene aus Bali, vom Gehweg an der Hauptstrasse, auf dem wir 1995 so oft entlang gelaufen waren. Eine abgedeckte Leiche nach der anderen, aufgereiht, hunderte Meter lang. Die Spüle von der Bar aus der Mitte unseres Stammlokals war durch die Bombe, die in der Mitte des Clubs explodiert war, bis vorne an die Strasse geschleudert worden. Wo wir früher ausgelassen gefeiert hatten, wo junge Leute, Surfer aus der ganzen Welt sich angequatscht hatten, einfach so und ohne Hintergedanken, frei und losgelöst.
Ein Schutthaufen.
Bilder, die man nie mehr los wird, anders als jene, die man täglich in der Zeitung sieht. Weil man sie sieht und einem in diesem Moment das Fundament der eigenen Erinnerungen an einige der besten Erlebnisse im Leben weggerissen wird.

Wie an die vielen, im Haus meiner Grossmutter, von dem nur noch die Innentüren übrig sind. Mein Grossvater hatte sie in den 1930er Jahren selbst gefertigt. Als mein Onkel, der Älteste, das nach dem Tod der Mutter baufällig gewordene Haus abriss, hob er diese Türen auf, denn viel mehr blieb ihm ja nicht vom 1945 verstorbenen Vater, an den er sich kaum erinnern konnte.

Sie stehen da herum, diese Türen, in einem Schuppen, seit 16 Jahren schon. Und eines Tages mache ich endlich, was ich mir schon lange vorgenommen habe, hole eine und baue sie endlich in eine Tischplatte um. Damit sie ein neues Zuhause bekommt.
Und ich ein Stück meiner Wurzeln bei mir daheim habe. Das kann ich dann anschauen und wenn ich innendrin mal wieder keinen rechten Halt spüre, anfassen.

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